Voll auf Liebe programmiert
Love-Story für Teens, © by Dietmar R. Schneider, wurde
in der "Bravo" veröffentlicht.
"Muß ja tierisch
gut gewesen sein, was?" Tamara drehte die Musik leiser und machte
es sich auf dem Bett gemütlich. Sina warf ihre Lederjacke in die
Ecke, verschränkte ihre Beine zum Schneidersitz auf dem weichen Teppich
und verdrehte wild die Augen.
Interessiert beugte Tamara sich nach vorne und stützte das Kinn auf
den angewinkelten Arm. Mit ihren pieksigen Punk-Stacheln sah sie aus ein
Igel. Sie wollte kein Wort verpassen. Bisher war sie es, die in dem ganz
privaten Wettbewerb "Wer schnappt sich am schnellsten den Traumtyp"
geführt hatte. Das lag vor allem an ihren unnachahmlichen Ideen,
die Sina immer wieder bewunderte. Doch nun schien es, als habe Sina gleichgezogen
oder Tamara sogar überrundet.
"Du warst also wirklich bis morgens bei ihm? Was habt ihr bloß
die ganze Nacht gemacht?" fragte Tamara.
Sina wühlte unschlüssig in den CDs, die vor der Anlage wild
verstreut herumlagen. Dann schüttelte sie ihren langen braunen Haare
aus dem Gesicht und lächelte schelmisch. Auf Josch hatte sie schon
lange ein Auge geworfen, oder besser gesagt: beide Augen. Der tat immer
so schüchtern, wenn er mit seinen Kumpels in der Gegend herumstand.
Wenn sie ihm in die Augen schauen wollte, dann guckte er meistens verschämt
weg, während die anderen coole Sprüche abließen. Sie fand
ihn total natürlich. Hinter der schüchternen Fassade schienen
sich aber einige nicht ganz so schüchterne Gedanken zu verbergen.
"Auf der Fete haben wir ein bißchen rumgeblödelt. Dann
hat er mich gefragt, ob ich noch mit zu ihm nach Hause komme er sagte,
daß er mir seinen neuen Computer zeigen will!"
"Ach was!" Tamara rückte noch näher und spitzte die
Ohren.
"Wir gingen also auf seine Bude!"
"Oh! Die ist voll süß eingerichtet, vor allem die Wand
mit den seltenen Autogrammkarten", sagte Tamara. "Schau mich
nicht so eifersüchtig an, du weißt doch, daß ich seine
Schwester gut kenne und öfter mal bei den beiden im Haus bin! Außerdem
habe ich doch meinen Marco!"
"Dann kennst du dich ja aus. Erst haben wir uns an den Computer gesetzt
und er hat mir gezeigt, wie man im Internet surft. Dann hat er die Kiste
abgeschaltet und eine Flasche Wein geholt. Er hat Kerzen angezündet.
Wir haben uns auf das Bett gesetzt und uns tief in die Augen geblickt.
Dann hat er seine Arme um mich gelegt und gesagt: 'Du bist das süßeste
Mädchen, das ich kenne!'..."
"Wahnsinn! Du wickelst deinen Traumtyp einfach so um den Finger.
Hast wohl was bei mir gelernt?"
Sina verzog ihr Gesicht. Sie begann zu schluchzen und fuhr sich mit der
Hand über die Augen. Tränen tropften auf die CD-Cover. Tamara
kroch vom Bett auf den Boden und legte einen Arm um ihre beste Freundin.
"Das muß ja eine echt große Liebe sein. Kein Wunder,
der Typ ist ja auch zum Anbeißen scharf!"
"Es ist alles gelogen", schluchzte Sina.
"Gelogen?" Tamara hob staunend die schmalen Augenbrauen.
"Was ich dir erzählt habe, das war nur so, wie ich es mir mit
Josch gewünscht hätte. In Wirklichkeit war's ganz anders!"
Sina zupfte unsicher an ihrem weißen Pulli.
"Also warst du gar nicht bei ihm zu Hause?"
"Doch, schon, aber wir haben die ganze Nacht nur am Computer gehangen.
Er hat mir alles mögliche vorgeführt. Wie man aktuelle Infos
von irgendwelchen Bands im Internet bekommt wie man einen Online-Chat
mit irgendwelchen Leuten in Australien führt wie man sich neue Programme
holt, und, und, und. Das hat gedauert und gedauert!"
Sina schluchzte, zog ein Taschentuch aus der Jeans und schneuzte kräftig.
"Und jetzt gleich nochmal! Du mußt doch sicher 'Nachniesen'!"
forderte Tamara sie auf.
Sina begann prustend zu kichern. Tamara schaffte es selbst in aussichtslosen
Situationen, sie zum Lachen zu bringen.
"Ich mache uns erstmal einen Tee, und dann überlegen wir uns,
wie wir Josch überzeugen, daß du auch was zu bieten hast, und
nicht nur der Computer!"
Drei Tage später spielten die Freundinnen Billard in einem Café.
Nicht in irgendeinem Café, sondern dort, wo Joschs Clique für
gewöhnlich nach dem Volleyballspielen entspannte, was Tamara in ihrer
sorgfältigen Art natürlich wußte. Sina sollte später
noch wesentlich mehr Respekt vor ihren Einfällen bekommen.
Laut und polternd fielen die Volleyballer in das Café ein. Josch
hielt sich wie immer etwas zurück. Er schenkte Sina ein verschämtes
Lächeln. Irgendwie hatte er einen Touch von Jason Priestley, bloß
war er weniger draufgängerisch. Aber das konnte ja noch werden.
Tamara stieß Sina mit dem Ellenbogen an und flüsterte: "Los!
Geh hin und sag' die magischen Worte!" Sina legt drückte ihrer
Freundin den Stock in die Hand schlenderte zu Josch hinüber, der
gerade an einem Bananensaft nippte wegen der Fitness, wie er immer sagte.
Sie redeten über das Wetter und das letzte Schulfest und die schlechte
Musik im "Pogo", bis Sina unauffällig einfließen
ließ, was Tamara ihr geraten hatte.
"Du, Josch, ich muß ein Referat machen über den politischen
Umbruch in den neuen Bundesländern. Dazu brauch' ich ganz dringend
heute noch einen Bericht aus dem 'Spiegel'. Den kannst du mir doch per
Internet holen, oder? Das wär' voll süß von dir!"
Josch war nicht nur einverstanden, sondern verwandelte sich auch sofort
in einen gesprächigen Typen, der auf der U-Bahn-Fahrt zu seiner Wohnung
mit Fachausdrücken um sich warf.
"Kein Problem! Mein High-Speed-Modem schafft das leicht!"
In der Wohnung schaltete er mit großer Geste den PC ein.
"Achtung, der Meister gibt sich die Ehre!" Er krempelte die
Ärmel über den kräftigen Unterarmen hoch und haute wild
auf die Tastatur. Nach einigen Fehlversuchen erschien das Logo der Zeitschrift
auf dem Monitor und der Drucker spuckte den gewünschten Bericht aus.
Josch war voll in Fahrt.
"Jetzt zeige ich dir noch, wie man sich im Netz Toneffekte von 'Star
Trek' holen kann". Sina war ihm schon ein Stück nähergerückt,
soweit man das auf zwei nebeneinander stehenden Stühlen kann, und
hatte einen Arm über seine breiten Schultern gelegt. Leider aber
schien er das nur am Rande zu bemerken. Immer noch starrte Josch gebannt
auf den Bildschirm, nur ab und zu lehnte er sich zurück, um Bemerkungen
zu machen wie:
"Moment, dauert 'ne Weile, bis die Grafik geladen ist! Wir sind hier
im Standard noch ein paar Jahre hinter den USA zurück!" Die
bunten Bilder erschienen nur langsam auf dem Bildschirm. Immerhin nahm
Josch in der Wartezeit ihre Hand und streichelte sie sanft. Als der Strich,
der auf dem Bildschirm die Wartezeit anzeigte, wieder einmal besonders
langsam vor sich hinkroch, gab er Sina sogar blitzschnell ein Küßchen.
Leider nur ein ganz kurzes es schien doch alles beim alten zu bleiben.
"So, und jetzt schicken wir eine E-Mail an... "
Weiter kam Josch nicht, denn der Bildschirm erlosch. Das Surren des Computers
erstarb. Auch die Schreibtischlampe war plötzlich aus. Nur von draußen
kam noch ein schwacher Schimmer von Mondlicht herein.
"Was ist den jetzt los? Stromausfall? Ich muß mal eine Taschenlampe
suchen!"
Josch stand auf und wäre fast über Sina gefallen. Sie packte
ihn rechtzeitig, wobei sie ihre ganze Kraft aufwenden mußte. Sie
umarmte ihn und merkte, daß auch sein Herz schneller schlug.
"Moment, nicht so schnell. Wir haben doch, was wir wollen. Laß
doch mal den Computer eine Weile aus. Der Strom wird schon irgendwann
wiederkommen."
Zögernd erwiderte Josch die Umarmung mit einem Arm und streichelte
mit der freien Hand ihr langes Haar vom Scheitel bis zum Rücken.
Erst vorsichtig, dann immer sicherer.
"Bin ich etwa nicht mindestens so interessant wie der Computer?"
fragte Sina und spürte, wie sich Joschs Muskeln unter seinem Shirt
bewegten. Sie schmiegte sich sanft an ihn.
"Doch, schon. Du bist eigentlich viel interessanter", sagte
Josch mit belegter Stimme. "Bloß habe ich mit Frauen noch nicht
so superviel Erfahrung!"
"Macht doch nichts", flüsterte Sina. Er beugte sich zu
ihr hinunter und traf mit seinen Lippen erst einmal ihre Nasenspitze,
worüber beide lachen mußten.
"Komm, wir machen's uns gemütlich, bis der Strom wieder da ist",
sagte Josch und zog Sina vorsichtig in Richtung Bett.
"Ja!" sagte Sina und freute sich, daß die Gemütlichkeit
ziemlich lange dauern würde. Schließlich waren die Eltern nicht
im Haus. Joschs Schwester war zusammen mit Tamara ins "Pogo"
aufgebrochen und Tamara hatte vorher getan, was mit Sina verabredet war:
sie hatte die Sicherungen für fast alle Stromkreisläufe des
Hauses herausgedreht.
Tierisch gute Idee, dachte Sina, bevor sie sich erneut an Josch kuschelte.
- - Ende - -
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